Popkomm 2008 – Der Letzte macht das Licht aus

Heute startet in Berlin die Popkomm 2008 . Ziel war Ende der 80er/Anfang der 90er das übliche „Sehen und gesehen werden“ innerhalb der Musikindustrie. Labelchefs und -manager konnten über diesen Weg ihre jeweiligen Newcomer auf Compilations platzieren oder an Partnerlabel ins Ausland verkaufen. Doch irgendwann gab es plötzlich das Internet und man konnte auf diesem Weg Musik und Infos austauschen. Warum soll man sich dann überhaupt noch treffen?

Die Popkomm erinnert mich ein wenig an die letzten grossen Paraden in der ehemaligen DDR: Die Veranstalter wissen, dass ihr „System“ eigentlich überhaupt nicht mehr funktioniert und viele Bürger (Tonträgerkäufer) bereits geflüchtet sind bzw. das Vertrauen darin verloren haben. Trotzdem wird nochmal auf dicke Hose gemacht und „heile Welt“ gespielt. Die Fakten sind aber mittlerweile bekannt: Musik wird in vielen Fällen eher runtergeladen als gekauft. Der Downloader freut sich, Plattenfirmen, Plattenläden und natürlich auch die Künstler haben das Nachsehen.

Der kleine Freakshop um die Ecke, der für mich auch die unmöglichsten Sammlerstücke bestellen konnte, hat schon vor einigen Jahren geschlossen. Wenn ich unbedingt sofort eine CD kaufen möchte, bleiben mir in der Regel nur die grossen Ketten wie Saturn oder Media Markt. Klar, das gängige Zeug komme ich dort auch, allerdings muss ich mich erst an der riesigen Palette mit den Kuschelhasen-CDs vorbei schleichen. Und dann stehe ich zwischen Hip Hop-Kids und Untoten um mir meine CD auszusuchen. Erschreckt stelle ich fest, dass ich der einzige Normalo in der CD-Abteilung bin. Dann bleibt da noch Amazon.de. Dort bestelle ich auch immer wieder gern und auch gern wieder zu viel. Der Schritt vom Amazon zum Filesharing ist an diesem Punkt aber auch nicht mehr weit. „Warum warten und bezahlen wenn ich mir die Geschichten auch direkt saugen kann?“ wird sich an dieser Stelle so mancher User denken.

Bei diesen Aussichten frage ich mich, was die Musikindustrie auf der Popkomm überhaupt noch tauscht bzw. feiert. Klar, es gibt ein umfangreiches Party-Programm um die Berliner Messehallen mit Live-Konzerten, DJ-Sets usw. aber das kann man doch auch eigentlich ohne Messe und vor allem viel profitabler für die Künstler veranstalten. Man organisiere einen Event („Berliner Musiktage“ oder so), lade haufenweise Künstler ein und veranstalte in vielen Locations Konzerte und Parties zu erträglichen Eintrittspreisen. Umsonst und Draussen ist zwar schön, lohnt sich aber nicht immer für die Bands.

Meine Prognose für die Musikindustrie sieht wie folgt aus: Die Plattenfirmen verschwinden irgendwann, Künstler und Produzenten vertreiben ihre Produkte selbst (Coldplay, Keane und ähnliche Bands bieten ihre Songs teilweise zum kostenlosen Download an). Es spricht natürlich nichts dagegen sein Endprodukt auch an Amazon oder Saturn zu verkaufen, klassische CD- und Vinylsammler (so wie ich) wird es immer geben. Natürlich werden Bands und Künstler nicht mehr so viel Geld durch Verkäufe verdienen, einige von ihnen können aber sehr gut durch die Verwertungsentgelte der Medien (Airplay in Radio und Fernsehen) leben. Der eine oder andere Song wird sicher auch mal für eine Werbekampagne benutzt, auch hier fliesst wieder Geld an den Produzenten/die Band. Die Haupteinnahmen der Bands werden dann vmtl. überwiegend aus Live-Konzerten bestehen (vor allem dann wenn Radio und TV sich weigern ihre Produkte einzusetzen, über viele Gigs lässt sich unter Umständen auch Druck auf diese Medien erzeugen). Ein weiterer Schritt wird dann vielleicht irgendwann mal die Musik-Flatrate. Der User zahlt Summe X an seinen Internetprovider, kann Musik saugen bis der Arzt kommt und der Internetprovider zahlt die Einnahmen der Flat an die Künstler weiter. Bis dahin wird es natürlich noch ein paar Jahre dauern denke ich, dann darf aber irgendwann der Letzte in den heiligen Popkomm-Hallen das Licht ausmachen.

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