20 Jahre Mauerfall

9. November 1989: Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen. Damals war ich 15. Ich hatte vergleichsweise wenig Berührungspunkte mit der DDR. Okay, ich hatte einen Brieffreund in der Nähe von Weißwasser. Der hatte mal einen Ballon gefunden, den ich bei nem Wettbewerb auf der Kirmes in meinem Ort hab steigen lassen. Das war 1984 oder so. Wir haben uns ein paar Jahre geschrieben, der Kontakt ist dann aber irgendwann eingeschlafen.

Dann gabs da noch den „Ersatzunterricht“ in der 9. Klasse. Ich habe Französisch nach der 8. abgewählt und „musste“ als Ersatz einen „Wahlpflichtkurs“ belegen. Einer dieser Kurse hiess „Leben in der DDR“. Dort wurden das politische System, die Planwirtschaft und auch ansatzweise die Medien („Aktuelle Kamera“ sowie Zeitungen) beleuchtet. Zum Abschluss vor den Sommerferien sind wir nach Helmstedt bzw. durch einige Orte im Harz im Elm (Schöningen) gefahren. So konnte ich die Grenzanlagen zumindest von der Westseite aus noch einmal sehen. Es war ein beklemmendes Gefühl. Da drüben, 300 Meter weiter ist Schicht. Weiter gehts nicht.

Und na klar, das Radio. Ich habe immer mal wieder die „Stimme der DDR“ auf der Mittelwelle gehört. Die 783 kHz aus Burg bei Magdeburg war mit 1000 kW auf Sendung. Der Sender ging mit jedem kleinen Taschenradio – auch in Westniedersachsen. Über UKW konnte ich das Regionalprogramm für Leipzig von DDR2 hören und manchmal auch das Jugendradio DT64. Im Kabelnetz wurde seinerzeit DDR1 eingespeist (inklusive wegfadenem Signal und sämtlichen Störungen, das Signal wurde tatsächlich vom Brocken in Osnabrück empfangen und im Kabel umgesetzt). Da wir keinen Kabelanschluss hatten bin ich manchmal zu nem Kumpel um die „Aktuelle Kamera“ (quasi die „Ost-Tagesschau“) zu gucken. Uns hat interessiert wie die Berichterstattung über die Demos bzw. die Grenzöffnung Ungarns nach Österreich umgesetzt wurde. Ja, ich habe Teile der Propaganda seinerzeit live miterlebt. Unglaublich, dass sich ein solches System so lange halten konnte.

Zurück zum 9. November 1989. Die Meldung von der Grenzöffnung ist am Donnerstagabend an mir vorbei gegangen. Ich weiss also ehrlich gesagt nicht mehr, was ich an dem Tag gemacht habe. Am 10. November kam meine Mutter morgens in mein Zimmer. Es war kurz nach 6.00 Uhr, eine halbe Stunde früher als üblich. „Die Mauer ist offen.“ sagte sie und ich wollte das natürlich nicht glauben. Also schnell das Radio eingeschaltet und da überschlugen sich die Meldungen. Schlagbäume abgerissen, Grenzsoldaten die DDR-Bürger Richtung Westen durchwinken mussten weil sie sonst dem Ansturm nicht gewachsen gewesen wären und so weiter. Total aufgeregt bin ich zur Schule geradelt und auch dort gab es keinen regulären Unterricht. Klassenkameraden und Lehrer erzählten von ihren Berührungspunkten mit der DDR. Viele hatten Verwandte, einige hatten schon mal die Kontrollen auf der Transitstrecke nach Berlin miterlebt und so weiter. Es war total spannend. Abends wurde dann auf vielen Kanälen eine Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus übertragen. Walter Momper, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl und Willy Brandt sprachen vor mehreren Zigtausend Menschen. Irgendwo schlummern noch Aufzeichnungen der Kundgebung auf dem Dachboden. Vielleicht finde ich mal Zeit diese zu digitalisieren. Das Gleiche gilt für die Fotos die ich im Sommer 1989 an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze aufgenommen habe. Sollte ich dazu kommen, werde ich sie hier natürlich veröffentlichen.

Und heute? 20 Jahre später? Da fahre ich mal eben nach Berlin und man muss schon genau aufpassen, wo die Grenze mal war. Ich fahre mal eben zu Freunden nach Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen oder Brandenburg. Oder sie fahren zu mir. Das Gefühl „ich fahre ins Ausland und muss evtl. Schikanen von Grenzbeamten über mich ergehen lassen“ ist komplett weg. Ich habe Ossis im Freundes- oder Kollegenkreis und wir lästern gemeinsam über die Bayern. Das Ganze bei Mc Donald’s und zu englischer Popmusik. Ossis haben Wessis geheiratet und kaum einer macht sich noch nen Kopf über das Thema „Klassenfeind“. Wer hätte vor sagen wir mal 22 Jahren gedacht dass es mal so weit kommt?

Edit: Auf Wunsch von Herrn Bikerbs habe ich Schöningen aus dem Harz zurück in den Elm verlagert. Danke für den Hinweis.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: