Durchgezappt

Das Hamburger Abendblatt hat gestern einen schönen Artikel veröffentlicht, in dem die deutsche Radioszene sehr gut wiedergespiegelt wird (naja, Teile davon jedenfalls). Der Redakeur Heinrich Oehmsen hat demnach 18 Stunden lang Radio gehört – mit erschreckendem Fazit. Hier der Artikel:

Durchgezappt durch die Radiosender

Was kann Radio heute leisten? Welche Musik wird gespielt? Ein Selbstversuch über 18 Stunden von den Morgenshows bis zum „Nachtclub“-Magazin

6 Uhr morgens. Holger Ponik ist schon super drauf. Ist ja auch sein Job. Ponik soll mich und Tausende andere NDR-2-Hörer wach machen. Ein menschlicher Radiowecker. Er quasselt mit atemberaubender Geschwindigkeit, zu sagen hat er nichts, außer dass heute der heißeste Tag der Woche wird, dass Ginkgotee schmeckt wie Knüppel aufn Kopp und dass er Angst habe, nach dem Verzehr von Ginkgo auszusehen wie Lukas Podolski. Wenn Wecker nerven, stellt man sie aus. Das würde ich mit Ponik am liebsten auch machen. Geht aber nicht, denn die nächsten 18 Stunden werde ich vor dem Radio verbringen. Selbstversuch mit der Frage, wo heute welche Musik spielt.

„Entspannt in den Tag“, verspricht Ponik mir. Ich bin schon nach einer Stunde genervt. Von seiner guten Laune, von den Sketchen, die nicht lustig sind. Die Musik entspricht dem Jingle „NDR 2 – Die Hits der 80er und das Beste von heute“: Lady Gaga, Razorlight, Talk Talk, Coolio und Tina Turner. In die muss der Computer, der die Musikauswahl besorgt, besonders verliebt sein …

Früher haben die Moderatoren die Musikauswahl besorgt, sie kamen mit einem Stapel Platten unterm Arm in den Sender. Jetzt besorgt das ein seelenloser Computer, der nach Klangfarben auswählt. Allerdings nicht aus Millionen von möglichen Songs, sondern aus ein paar Hundert Titeln, die sich besonders bewährt haben. Wie Tina Turners „Simply The Best“. Rotation nennt man das.

8.05 Uhr. Zum Glück gibt es ja noch andere Morningshows. Doch beim Umschalten kommt man vom Regen in die Traufe. Bei Radio Hamburg macht John Ment den Gute-Laune-Kasper. Gleiches Prinzip, ähnliche Musik.

9.20 Uhr. Bei Alsterradio sind gleich drei Moderatoren im Einsatz, die unablässig übers Wetter und die aktuelle Verkehrslage reden. Als wenn es keine anderen Themen gäbe. Musikalisch gibt es hier mehr Rock zum Wachwerden: Tom Petty, Bruce Springsteen, John Mellenkamp, Fun. Erinnert an amerikanisches Adult Rock Radio, also Rock für Erwachsene. Indiemusik taucht nirgendwo auf.

Seit 1986 mit RSH der erste private Radiosender an den Start ging, hat sich das Programm radikal gewandelt. Mit Radio konnte man plötzlich Geld verdienen, indem man Werbung ausstrahlte. Plötzlich zählte nur noch die Einschaltquote, die jährlich gemessen und in einem Ranking veröffentlicht wird. Obwohl der öffentlich-rechtliche Rundfunk von GEZ-Gebühren lebt, eiferten seine populärsten Wellen mit den lustigen Morningshows und den Megahit-Programmen den Privatsendern nach. Bloß keine Ausschalt- oder Umschaltimpulse geben!

10.05 Uhr. Der Gute-Laune-Onkel bei NDR 90,3 heißt Stefan Hänsel und der ist „gerade ’n büschen nervös, weil eine Verkehrsmeldung reinkommt“. 90,3 wirbt mit dem schnellsten Verkehrsservice der Stadt und dem schönsten Musikmix. Alleinstellungsmerkmale sind für die Sender wichtig. Jeder wirbt mit dem besten, dem schnellsten „was auch immer“. Die Musik hat keine Ecken und Kanten: ABBA, Juliane Werding, The Seekers, The Bee Gees. Als Wolfgang Petry aus den Lautsprechern quillt, schalte ich um. Zu N-Joy, der jungen NDR-Welle. Dort gibt es Musik von Shakira, Beyoncé, Jason Derulo. Klingt mit seinen stampfenden Electrobeats alles gleich. Comedy gibt’s auch.

11.15 Uhr. Auf NDR Info tagsüber wie immer zuverlässig und ausführlich Informationen. Ohne Musik.

13.16 Uhr. Kontrollzapping durch fünf Kanäle. Tina Turner singt „What’s Love Got To Do With It“. Kann nur NDR 2 sein. Ist NDR 2. Wechsel zu Oldie 95. Nach all den redundanten Wortbeiträgen eine Erholung. Die Musik wird nur durch Jingles und Verkehrsfunk unterbrochen. Beatles, Doors, Love Affair, Soft Cell, Laura Branigan.

14.30 Uhr. Von Mitte der 60er- bis in die 80er-Jahre gab es auf NDR 2 die Sendung „Nach der Schule. Musik für junge Leute“, moderiert von Klaus Wellershaus. Gespielt wurden aktuelle Songs, und Musik wurde in inhaltliche Zusammenhänge gesetzt. Diese Sendung hat meine musikalische Sozialisation entscheidend geprägt. Wenn es die Sendung noch gäbe, dann würden jetzt die neuen Platten von Patti Smith und Neil Young besprochen und auch der Auftritt von Jack White im Docks. Bei NDR 2 läuft Keri Hilson, langweiliger Neosoul.

15.20 Uhr. Es wird gesprochen. In wohlformulierten Sätzen. Ich bin im Deutschlandfunk angekommen. Interviewt wird Matthias Lilienthal, Chef des Berliner HAU-Theaters.

15.55 Uhr. Zappen. Der Sender mit dem besten Song gewinnt. Es ist 90,3. Ich werde von Tina Busch zur 90,3-Sommertour nach Niendorf eingeladen und soll den Tibarg rocken. In Berlin gibt es die öffentlich-rechtliche Welle Radio Eins des RBB. Dessen Slogan lautet „Nur für Erwachsene“. In den sendereigenen Charts belegen Liars, Django Django und Maximo Park die Spitzenplätze. Warum gibt es so was nicht in Hamburg?

16.45 Uhr. Bei Radio Hamburg, NDR 2 und N-Joy werden Hörerwünsche erfüllt. Ich werde langsam müde von dem ewig gleichen Gedudel. Muss Radio als Begleitmedium so eintönig und so quasselig sein? Früher lief im NDR 2 am Vorabend „Der Club“ über das kulturelle und musikalische Geschehen in Hamburg. Informationen über Konzerte mit den entsprechenden Beispielen finde ich nicht.

19 Uhr. Weiterzappen. Phil Collins, Taio Cruz und noch mal Tina Turner. Wieder bei NDR 2 gelandet. Bei N-Joy gibt’s immerhin Songs von Boy und Cro, dem jungen Hip-Hop-Künstler.

22.05 Uhr. Ein später Lichtblick dieses Radiotages: „Jazz-Zeit“ auf NDR-Info mit Thomas Haak. Ich lerne die brasilianische Sängerin Elsa Soares kennen, ich höre Musik und bekomme Informationen dazu. Musikjournalismus ist im Radio in den späten Abend verbannt worden.

„Entspannt in den Tag!“, hat Holger Ponik mir morgens versprochen. Radiohören entspannt nicht. Es macht in seiner Eintönigkeit todmüde. Genau so, als müsste man 1000 Kilometer mit Tempo 100 über eine schnurgerade Autobahn fahren. Den „Nachtclub“ mit Mathias Böhm auf NDR Info schaffe ich nicht mehr. Ich schlafe ein.
[Quelle: abendblatt.de]

Es sind wohl noch viele Artikel wie diese nötig um irgendwann mal ein Umdenken bei deutschen Radioveranstaltern zu verursachen. Und bis dahin hören wir einfach kleinere (mutige) Sender oder Sender aus dem Ausland. Der „traditionelle“ Radiohörer (also der der NDR1 als einzigen Sender eingespeichert hat) wird sicher irgendwann zu alt sein um Radio zu hören.

2 Antworten to “Durchgezappt”

  1. joos Says:

    Eine treffende und sehr gute Beschreibung, warum ich nicht mehr NDR2 und ähnlichen Kram höre…, wobei er ja vor einigen Jahren noch schlimmer war.

  2. Thomas Krüger Says:

    Thom sagt:
    ich lebe seit 4 Jahren in Hamburg und kann Herrn Oehmsen nur Recht geben. Damals hieß es auf NDR2 noch mehr Vielfalt, mehr Abwechslung, einfach mehr Auswahl. Ich kam mir vor als ob ich 30 Jahre zurück versetzt wurde. Der Hammer kam dann ab 6.Juli 2009
    „Der Sound der 80er und das Beste von heute“ Wie kann sich ein öffentlich rechtlicher Sender nur so beschränken ???
    Da kommt dam Peter Gabriel “ Salisbury Hill“ und wird als 80er verkauft. Ich habe diesen Titel schon 1975 hören dürfen.
    Ich frage, mich welche Zielgruppe der NDR2 überhaupt hat , die Demenzkranken ? Alle paar Stunden die gleiche Musik … wenig macht mehr heißt dort die Devise und die haben sich schon lange vom dualen System verabschiedet. Billig und doof heißt deren Strategie , von Bidlungsauftrag überhaupt keine Spur.
    Wie Herr Oehmsen schon bemerkt hat, es gibt ja „!“ mit guter Musik aus Potsdam und den höre ich zwar nur zu Hause und nicht im Auto , weil ich über den Tellerrand in Sachen Musik schauen will und auch kann. Übrigens Gemma Ray ist am 9. August in HH. Ich bin dabei.

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